Dichtung | Erzählung | Chimären

Stimmen | Entschwebung

Björn Hayer |  Frankfurter Rundschau | Feb. 2026

 

"Das Helle unter der Erde? Wer die Gedichte aufmerksam liest, wird auf so manche Paradoxien stoßen. Vom „Bleiben im Werden“ ist beispielsweise die Rede. Zahlreiche Kräfte widerstreben einander. Mal beobachten wir, wie zwei Kontinente kollidieren, mal erscheint ein Du als „mein Festakt und meine Falltür“. [...] Was all die Spannungen hält, ist das Amouröse selbst – wenn zwei Blicke verschmelzen, sich die Grenzen zwischen Körpern auflösen.

 

Zumeist erweisen sich derartige Begegnungen in der Dichtung der 1991 in Frankfurt geborenen Autorin, die man eine Sappho unserer Zeit nennen könnte, als explosiv. [...]

Denkbar wird dieses Ineinander sich eigentlich ausschließender Zustände (ur- vs. künftig) allein in einer utopischen Poetik. Razizadeh entwirf eine über alle physikalischen Gesetzmäßigkeiten erhabene „Nirgendwelt“, in der sich „das Unmögliche in all seiner / Stimmigkeit und monströsen Schönheit“ manifestiert. [...]

Die Worte „wir waren ein ins Freie ragender Sturz“ kann nur jemand aufs Papier bringen, der sich bereits im Andern verloren hat.

 

Rettung versprechen indessen die Verse. [...]

Ähnliches gilt für die Lektüre dieses Bandes unter dem Motto „Lesen ist Lassen“. Dem muss man nach der letzten Seite des Buches zweifelsohne zustimmen. Man fühlt sich unendlich frei."

Alexandru Bulucz | Buchkultur 01/2026

 

"Der Band zeigt, wie tragfähig zeitgenössische Lyrik sein kann, wenn sie das Dazwischen nicht überbrückt, sondern bewohnbar macht, und wenn sie dem Übergang und der Vorläufigkeit mehr vertraut als der Ankunft."

Ludwig Lohmann | blauschwarzberlin | März 2026

 

"Ein ganzes Buch gefüllt mit erdzeitalterumfassenden, den einzelnen Moment irisierenden Wortzartheiten."

Stimmen | Die Goldwaage

 

Björn Hayer | Deutschlandfunk Kultur | Lesart |  Aug. 2024

 

 

 

"eine sehr taktvolle, eine zärtliche, eine ehrliche Lyrik über Schmerz, Neubeginn und all das Verborgene, das eigentlich dazwischen liegt – eine Lyrik, in die man sich verlieben kann!"

 

 

"Wir taumeln – durch Traumlandschaften, entlang an roten Mohnfeldern oder mitten hinein in einen Wald, in dem wir „die Rehung erfahren“ und dann, verwandelt und entrückt, im Arm eines Riesen ruhen. Wo diese halluzinativen Reisen enden, ist in Nasima Sophia Razizadehs erstem Lyrikband, „Die Goldwaage“, stets ungewiss. [...]

 

Obwohl die Poeme zumeist in Melancholie getaucht sind, [...] bergen die Texte somit einen utopischen Glutkern. Sie lassen die Tristesse der Gegenwart hinter sich und erschließen mit Wortkreationen wie „urkünftig“, „Urlicht“ und „Fundland“ unbekannte oder verloren geglaubte Räume. Kein einfacher Prozess, eher eine, wie man liest, „Entstrüppung“. Wohl aus diesem Grund nutzt die Autorin konsequent verschachtelte Kettensätze. Man betritt ein Labyrinth, ohne ganz die Orientierung zu verlieren. Denn mit sich wiederholenden Motiven wie Licht und Finsternis, Händen und Augen wird man eines poetischen Ariadnefadens gewahr. Er führt uns ins kaum umrissene Zentrum all dieser zauberhaften Verführungen und Verschlingungen: das Geheimnis, das zwar zur Sprache kommt, sich aber erfreulicherweise nicht vollends enthüllt."

Matthias Ehlers | WDR 5 Bücher | Aug. 2024

 

"Ihr lyrisches Debüt "Die Goldwaage" weist sie als originäre Dichterin aus. In neun Abschnitten entwickelt Nasima Sophia Razizadeh kleine und größere Geschichten, die substanziell und einleuchtend Inhalte transportieren, die die Dichterin tiefenwirksam ausleuchtet."

 

"Die Gedichte von Nasima Sophia Razizadeh spielen mit Fiktion und Wirklichkeit und lösen damit konventionelle Grenzen auf, die dem Verständnis ihrer Lyrik eine zusätzliche Dimension mitgeben. Das macht die Dichterin gekonnt und stilsicher. "Die Goldwaage" ist ein sehr interessantes und gelungenes Debüt."

 

Jonis Hartmann | Textem | Sept. 2024

 

"Sprachgewandt, geistreich, in Schleifen – so arbeitet Die Goldwaage. Nasima Sophia Razizadeh erschafft in diesem gewichtigen, bei Wallstein erschienenen Lyrikband additive Gedichte, die einen Bogen spannen aus Sprachherkünften, ohne strophische Zäsuren und meist auf einer Seite stattfinden als Ort der Dichtung [...]"

 

"Die Gedichte bleiben zurückhaltend in ihren Bögen der Auskünfte von jenem lyrischen Ich, das wie ein Brückenstein zu Satz / Besatz kommt. Hellwache Träume, wenn man so will, die wie Etüden einer Persona einspannen, der zugeschaut / -gehört werden darf, wenn wie in Abhandlung eine gleichnamige stattfindet zur dortigen Erforschung der Silbe „mund“ in verschiedensten Vorkommen und Stellungen, mit erfrischendem Ausgang. Die Goldwaage ist nicht angelegt, um in einem Zug hindurchzulesen, die schiere Länge verhindert den Gesamteffekt, sondern vielmehr die Selbstähnlichkeiten im Einzelgedicht, wie in der einzelnen Silbenbetrachtung, ihrer Verarbeitungen bei Nasima Sophia Razizadeh schätzen zu lernen: Das vorsichtige Blättern."

 

 

Paul-Henri Campbell | Volltext | Okt. 2024

 

"Was folgt ist eine Beschwörung des Mundes als enzyklopädischen und existenziellen Index, die Quelle des poetischen Sprechens. Die Lust dieser Poesie besitzt nur ein ‚Taktgefühl‘, nämlich das eigene."

 

 

Elisa Weinkötz | Zaesur Poesiekritik | Jan. 2025

 

"Bewundernswert dabei bleibt Nasima Sophia Razizadehs sprachliche wie motivische Eigenheit: Diese Gedichte erinnern an keine der lyrischen Stimmen der vergangenen 30 Jahre. (...) Die Gedichte enthalten kaum zeitgenössisches Vokabular, Diskurse oder Gegenstände, die sie in der Gegenwart verorten. Vielmehr halten sie sich an eine überzeitliche Motivik: Fluss, Spur, Traum, Stein, Wüste, Schritt, Gedächtnis, Gang und Wunder. (...) Insgesamt schreibt Nasima Sophia Razizadeh in ihrem Lyrikdebüt fort, was sie in dem Bändchen Sprache und Meer (Rohstoff/ Matthes & Seitz Berlin 2023) bereits intensiv erkundet hat: ihr Interesse an Herkunft, Möglichkeit, Körperlichkeit und Kraft von Sprache."

 

 

Marina Büttner | literaturleuchtet | Mai 2025

 

"Zu Nasima Sophia Razizadehs Gedichten fällt mir auf Anhieb das Wort Zartheit ein. Alle Gedichte scheinen mir in diese Zartheit eingewoben, ganz egal wovon sie handeln. Das ist erstaunlich und für mich eine ganz neue feine Leseerfahrung. Viele der Gedichte sind zudem in meinen Augen Liebesgedichte, zumindest erzählen sie von Nähe und Zweisamkeit und/oder dem Wunsch danach. Da werden ein Rippenfell und ein Lungenfell auf eine Wäscheleine gehängt und es ist ein Liebesgedicht, wie es ungewöhnlicher nicht sein könnte. Egal ob noch im Schlafgarn verwoben oder bereits im Mohnfeld wandelnd. Immer ist da Zartheit. Selbst die Natur wird von der Lyrikerin gezähmt und Figuren der Mythologie finden aus ihrer Kühle herein in die Zärtlichkeit. Ich finde viele Bilder der Körperlichkeit, der Sinnlichkeit. Ich finde Wachstum und Reife. Und Anklänge von Lavant. Und ein lyrisches Ich in steter Ansprache an ein Du.

Schöner kann man über Gehörgänge gar nicht schreiben, während die Zunge vogelfrei ist. Körperzonen lassen sich hier bewohnen. Am Meer und im Traum, in der Nacht oder im Baum – alles Schauplätze der Zartheit in der zauberhaften Dichtung von Razizadeh. Und die Sprache selbst sucht und findet immer wieder Platz und breitet sich aus im Text. Zärtlich und deutlich. Große Empfehlung!"

 

Thorsten Paprotny | Am Erker | Juni 2025

 

"Die Weite der Sprache

Diese neuen Gedichte, von einer jungen Dichterin geformt und gleichsam in die Sphären der Vernunft und Reflexion freigelassen, muten an wie sehr besondere Schwebstoff, zwar erdverbunden, irdisch, zugleich aber tänzerisch, wenn Nasima Sophia Razizadeh Fäden der Sprache verknüpft und Wörter verwebt. Sie spielt und spielt doch nicht, [...]

Mit großer Liebe zur Sprache fügt Nasima Sophia Razizadeh ein ums andere Mal die Wörter zueinander, öffnet poetische Räume für Mensch und Natur und bleibt so oft doch den selbst gestalteten Rätseln treu, die das menschliche Dasein auf dieser Welt unaufhebbar zu kennzeichnen scheinen. Sie spricht von ''ozeanischen Gefühlen', weithin bekannt, 'auf hoher See' und denkt an den 'großen Pan', den es nicht gibt und der vielleicht doch gesehen werden kann, möglicherweise dichterisch erahnt, lyrisch fantasiert: 'Alles was / leuchtet, spricht, / alles leuchtet und spricht und / kehrt, frei von Blick und Stimme, ein, kehrt / dem Gewimmel der Buchstaben entkommend, / summend heim, mitten am Tag, / zum großen Pan.'

Hierin könnte sich ein Weg des Denkens durch die Weite der Sprache hindurch abzeichnen, vielleicht auch nur anbahnen, dass eine summende Heimkehr, also eine Reise ins Naturhafte, das jenseits der Sprache liegt, jegliche Buchstabenlosigkeit überwindet. Oder nicht, denn den 'großen Pan', wie eine verklärte Naturwelt für sich, gibt es nirgends, außer in der Dichtung, die, wie uns diese junge Lyrikerin mit ihren zarten, so oft enigmatischen Versen aufzeigt, eine besondere Welt für sich sein kann, an der wir lesend und fantasierend Anteil gewinnen können, möglicherweise dank Gedichten sogar mystisch sinnierend oder momenthaft entrückt, auf ungeahnte Weise gedankenvoll schwebend."

 

Martin Oehl | Bücheratlas | Aug. 2025

 

"Es ist gewiss kein leichtgewichtiges Programm, das die Autorin anbietet. Doch reizvoll sind die Verse immerzu, klangvoll und bilderreich. Zuweilen nähern sie sich einer archaischen Schönheit. „Das winzige Gewicht / in jedem Wort / ist älter als alle / Waagen der Welt“, heißt es in dem Gedicht „Schrei der Füchsin“ [...]"

Steffen Siegel | Frankfurter Anthologie | FAZ | Aug. 2025

 

Morgens | Anflüsterung

 

"[...] Behutsam errichtet das Gedicht eine Hierarchie zwischen zwei unterschiedlichen Akteuren: dort die Schwere des Schlafs, hier die Leichtigkeit des Bereits-erwacht-Seins. Am Morgen genügen noch einfache sprachliche Mittel: Kein Vers ist länger als sieben Worte, in manchen sind es nur zwei. Weit weniger einfach sind hingegen die Bilder, die mit ihnen aufgerufen werden. In ihnen werden denkbar unterschiedliche Gewichte spürbar: das leichte Garn, der ungreifbare Rauch, der schwere Fels.

 

Gerade in jenem Augenblick, da vom Felsen die Rede ist und das Gedicht seine größte Schwere erreicht, setzt mit zwei Versen – „und doch / nicht mehr lange“ – eine Wende ein. Beinahe schon aufgehoben sind die Voraussetzungen dieses ungleichen Dialogs, denn „unter den Lidern wartet das Tier, schon wach“ auf den Einbruch des Tages. Im Schlafen nistet bereits ein Wachen, das sich jeden Morgen neu befreien wird aus jener Schwere, die bis gerade eben noch auf ihm lastete. [...]

 

Am Ende des Gedichtes ist die Hierarchie zwischen Schlafen und Wachen nicht ganz verloren – noch nicht. Doch rücken wir mit jedem Vers näher heran an das Ende dieses stillen Dialogs. [...]

 

Denn tagtäglich nehmen wir eine Passage von der Abwesenheit zur Anwesenheit, von der Schwere zur Leichtigkeit, vom eingesponnenen Sein in Träume zum hellen Bewusstsein oder zuletzt vielleicht auch, daran erinnert uns die Dichterin, vom Objekt zum Subjekt. Kann es etwas Intimeres geben, als jemanden beim Schlafen zu beobachten? „Morgens“ ist ein Liebesgedicht voller Schlaf, voller Wachen, und es gibt eine Antwort auf diese Frage: vermutlich nein.

Stimmen | Sprache und Meer

Steffen Siegel | Die Sprache, das Meer und der Körper | Mai 2024

 

"„Sehen ist lebendiger als Sprechen. Das Sprechen vom Sehen aber ist wie ein langes Bad im Blick.“

Literarische Debüts können ja viele Formen annehmen, aber wann hat es das zuletzt gegeben, dass ein Autor, eine Autorin als Erstes eine eigene Poetik vorlegt? „Sprache und Meer“ von Nasima Sophia Razizadeh – erschienen im vergangenen Herbst bei Matthes & Seitz Berlin in der noch fast neuen Reihe „Rohstoff“ – ist kaum weniger als das.

In gut dreißig kurzen Texten und auf nicht ganz einhundert Seiten werden drei Motive umkreist und immer wieder neu zueinander in Beziehung gesetzt: die Sprache, das Meer und der Körper. In den so gezogenen Dreiecken geht es um die Bedingungen des Schreibens: Erfahrung, Berührung, Worte, Werkzeuge, Zeit.

Die Texte sind so präzise gesetzt wie das vor allem sehr gute Lyrik leistet, viele Sätze schillern zwischen Sentenz und Vers. Kein Zufall wohl also, dass der letzte, kürzeste Text des kleinen Buches ein Gedicht ist. Vielleicht ist er auch schon der erste des nächsten? Für den Juli ist im Wallstein Verlag der Gedichtband „Die Goldwaage“ angekündigt. [...]" 

 

 

Alexander Schnell | Poésie en prose | Nov. 2023

 

"[...] Die Worte reihen sich im Horizont eines mit dem Unendlichen abgestimmten - und zugleich mit ihm ringenden - Rhythmus und dabei mit ergreifender Sicherheit so aneinander, dass jede einzelne Silbe (!) "den" treffenden Klang erzeugt. Eine metaphysische Tondichtung, die Sprache, Leiblichkeit und immer wieder überraschende Sinnabgründe miteinander vermittelt. Selten werden der Leser und die Mitdenkerin derart in die Tiefen einer mit sich kämpfenden Selbstbesinnung und -entkleidung der Sprache, die diese dabei rastlos zu neuen, unerwarteten Ufern führen, in den Bann gezogen. [...] Eine ästhetische und denkerische Beglückung, ein atemberaubendes Debüt!"  

© Nasima Sophia Razizadeh. Alle Rechte vorbehalten. 

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