Dichtung | Erzählung | Chimären
Wer immer schon im Licht ist,
kann sich nicht aussetzen.
Entschwebung
Wallstein Verlag (2026)
Erscheinungsdatum: 18. Februar 2026
»Eine eigene Stimme, eine melancholisch-elegische, stockende und gleichzeitig weiterschweifende Zartheit« – Felix Schiller
Scheinbar Unversöhnliches trifft in den Gedichten des zweiten Bandes von Nasima Sophia Razizadeh aufeinander, und in diesem Balanceakt wird ihnen das Hin- und Herschwingen, das Steigen und Sinken selbst zum Modus. Mal sprechen die Gedichte von der Amsel, mal von einem Fabelwesen, vom Kind, von einer anderen Frau, vom Vogelknochen – während sie selbst mal Festakt, mal Falltür, mal Fixpunkt sind.
Vielleicht sind es die Übergänge zwischen den sieben Kapiteln des Buches, die die Geschichte dieser Entschwebung erzählen, vor- und rückwärts. In der Mitte greifen die Frage, was der Urheberin das Gedicht sei, und dessen Antworten ineinander wie Hand in Hand – Verlockung und Unglück ist dieser Abschnitt überschrieben. Und so spricht das Ich der Gedichte bereits am Anfang mit Ikarus, den Verlockungen der Höhe nicht widerstehend könnend, auch wenn es hier das Unglück ahnt:
Die Flügel schmelzen,
verschwistern sich mit dem Fall,
die Höhe hasst mich, mich ängstigt die Höhe
und ich gehorche doch
dem Übermut in mir.
Ein Geschenk, das sich entzieht,
die Lichtspur, die verfolgte.
Eingewickelt
in Widersprüche,
ein paradoxer Schutz,
ein Kokon aus Worten,
so, hell vermummt,
halte ich die Lichtspur, zentripetal,
in den tiefen Schlaf des Anfänglichen.
Die Goldwaage
Wallstein Verlag (2024)
Wer immer schon im Licht ist,
kann sich nicht aussetzen.
Text und Leben sind in den Gedichten Nasima Sophia Razizadehs nicht voneinander trennbar, und doch zieht sich zwischen den beiden eine flüssige Grenze. Die Freiheit, die es ermöglicht, vom einen ins andere zu fliehen, ist eine grenzenlose. In dieser Grenzenlosigkeit mäandern und fließen die Texte, immer wieder mündend in die Sprache selbst – »Die Zunge ist vogelfrei«, wie es in einem der Gedichte heißt. Die Motivik ist sprach-verwurzelter, sprach-durchwobener Natur, folgt sinnlich-stilistischen Chimären und thematischen Luftspiegelungen, legt und verwischt Spuren, die auf Körper verweisen, und reicht von der Pflanzen- und Tierwelt hin bis zur griechischen Antike – verbunden durch den Faden der Arachne, nicht der Ariadne, und immer auf der Suche nach der Freisetzung.
Razizadehs Texte verbinden Kontrastbilder wie Schwere und Leichtigkeit, Licht und Schatten, unmittelbare Erfahrung und abstrakte Gedanken zu dichten Geflechten, die zu einem besonderen Faszinosum aus Natur, Körperlichkeit und dem Poetischen werden.
"eine sehr taktvolle, eine zärtliche, eine ehrliche Lyrik über Schmerz, Neubeginn und all das Verborgene, das eigentlich dazwischen liegt – eine Lyrik, in die man sich verlieben kann!"
– Björn Hayer, DLF Kultur Lesart
"Behutsam errichtet das Gedicht eine Hierarchie zwischen zwei unterschiedlichen Akteuren: dort die Schwere des Schlafs, hier die Leichtigkeit des Bereits-erwacht-Seins."
– Steffen Siegel, Frankfurter Anthologie, FAZ
"Die Gedichte bleiben zurückhaltend in ihren Bögen der Auskünfte von jenem lyrischen Ich, das wie ein Brückenstein zu Satz / Besatz kommt. Hellwache Träume, wenn man so will, die wie Etüden einer Persona einspannen, der zugeschaut / -gehört werden darf [...]. Die Goldwaage ist nicht angelegt, um in einem Zug hindurchzulesen, die schiere Länge verhindert den Gesamteffekt, sondern vielmehr die Selbstähnlichkeiten im Einzelgedicht, wie in der einzelnen Silbenbetrachtung, ihrer Verarbeitungen bei Nasima Sophia Razizadeh schätzen zu lernen: Das vorsichtige Blättern."
– Jonis Hartmann, Textem
Sprache und Meer
Matthes & Seitz Berlin/ Rohstoff (2023)
"Auch die Sprache war bloß Schwimmung."
Dem Meer als Grenze des Landes oder als dessen Entgrenzung, als ein Mehr, das Verlust und Gewinn zugleich mit sich bringt, steht man mit Neugierde und Ehrfurcht, mit verspielter Vertrautheit und überwältigender Befremdung gegenüber – und nicht anders der Sprache. Eingetaucht verliert man hier wie dort unter den Füßen den Boden, bewegt sich regelrecht traumhaft, und es gleicht einem Wunder und jähen Erwachen, wenn die Rückkehr ans Festland dennoch gelingt.
Nasima Sophia Razizadehs Texte in Sprache und Meer kommen immer wieder auf die Sprache zurück, kehren immer wieder ans Meer zurück, wagen sich hinein und hinaus, verschreiben sich dem Text- wie Wasserkörper, setzen sich den Gezeiten aus und untertauchen Gattungsgrenzen. Was schließlich auftaucht, sind Erzählungen und Dichtung, Mären und solche Texte, die all das, die Chimären sind. Denn im Schreiben, in der Sprache und im Blick auf die Sprache, zeigt sich, geht es immer um mehr, geht es um einen Überschuss, der über sich hinausweist auf anderes, auf den Anderen und nicht anders als sprachlich eingeholt werden kann.
"Literarische Debüts können ja viele Formen annehmen, aber wann hat es das zuletzt gegeben, dass ein Autor, eine Autorin als Erstes eine eigene Poetik vorlegt? „Sprache und Meer“ von Nasima Sophia Razizadeh [...] ist kaum weniger als das.
In gut dreißig kurzen Texten und auf nicht ganz einhundert Seiten werden drei Motive umkreist und immer wieder neu zueinander in Beziehung gesetzt: die Sprache, das Meer und der Körper. In den so gezogenen Dreiecken geht es um die Bedingungen des Schreibens: Erfahrung, Berührung, Worte, Werkzeuge, Zeit."
(Steffen Siegel)
"[...] Die Worte reihen sich im Horizont eines mit dem Unendlichen abgestimmten - und zugleich mit ihm ringenden - Rhythmus und dabei mit ergreifender Sicherheit so aneinander, dass jede einzelne Silbe den treffenden Klang erzeugt. Eine metaphysische Tondichtung, die Sprache, Leiblichkeit und immer wieder überraschende Sinnabgründe miteinander vermittelt. [...]"
(Alexander Schnell)






